EARTH ATTACK. Talligs Klimablog

Jürgen Tallig hat zahlreiche hellsichtige Artikel zur drohenden Klimakatastrophe veröffentlicht. Er ist aber auch ein Visionär, der neue Wege aufzeigt und an die Macht der Vernunft glaubt. Hier sind seine Texte alle versammelt und zugänglich. In seinem Klimablog berichtet er über die erschreckenden Trends und sagt die unbequeme Wahrheit.

 

 

Der Preis des Lebens 

 Unsere derzeitige Wirtschafts- und Lebensweise bedroht das Leben der Armen und Schwachen dieser Welt und das der vielen Milliarden Menschen, die noch nach uns auf der Erde leben wollen.

Sie ist Ausdruck einer erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft und einer völligen Missachtung und Verkennung des Eigenwertes  des vielfältigen Lebens auf der Erde. 

Unsere Lebensweise ist eine „Imperiale Lebensweise“ (Brand/ Wissen, 2017), die auf der Ausplünderung und Ausbeutung des Planeten beruht und die Folgen, in Form von Abfällen und Treibhausgasen  exportiert bzw. externalisiert. Sie ist parasitär und lebensfeindlich und überlastet und destabilisiert die Biosphäre und das Erdsystem. Energie und Rohstoffe sind viel zu billig,- „…billig wie Dreck“ (E. Altvater), weshalb aus dem Vollen geschöpft wird,-  ohne Rücksicht auf Verluste. Die treten ja bisher vor allem im Süden und in der Zukunft auf und werden deshalb nicht wirklich wahrgenommen.

Wir bezahlen derzeit keinen auch nur annähernd angemessenen Preis für die Güter und Leistungen der Natur. Diese Leistungen der Natur machen aber das Leben auf der Erde überhaupt erst möglich, doch dieser Tatsache scheinen wir uns nicht  mehr hinreichend bewusst zu sein, so sorglos nehmen wir ihren  Verlust  in Kauf.

Unsere Wirtschafts- und Lebensweise beruht auf falschen Annahmen und Voraussetzungen und ist nicht zukunftsfähig, sondern längst ein „Todesprojekt“, das die Fähigkeit des Systems Erde, lebensfreundliche Umweltbedingungen aufrecht zu erhalten, gerade endgültig zerstört.

So hat sich die Fähigkeit der Biosphäre, Kohlendioxid aufzunehmen und in Sauerstoff umzuwandeln, bereits erheblich verringert. Die Erde ist schon dabei, in einen lebensfeindlichen Systemzustand überzugehen und die Schwelle zur Heißzeit unwiderruflich zu überschreiten.

Doch der übermächtige fossil- globalistische Machtkomplex in den westlichen Industrieländern verhindert seit 25 Jahren das notwendige Umsteuern und will auch jetzt noch einfach weitermachen wie bisher. Das ist nicht nur verantwortungslos und ungerecht, sondern ein Verbrechen,- begangen ohne Not. Wir entscheiden gerade irreversibel über Leben und Tod der kommenden Generationen und der Schwachen und Armen dieser Erde,  die zwar das Recht, aber nicht die Möglichkeit haben, unsere Entscheidung gegen das Leben anzufechten und rückgängig  zu machen (siehe F. Ekardt, Rechtsgutachten zum Parisabkommen).                                            

Unsere Verschwendung von Energie und Rohstoffen und die Tatsache, dass wir nicht ihren wahren, realen Preis bezahlen, wird langfristig Milliarden Menschen das Leben kosten und zur weitgehenden Auslöschung des Lebens auf der Erde führen. Das ist der Preis unseres Lebens.  

 

Jürgen Tallig, Ingenieur und Buchhändler,

DDR- Bürgerrechtler, studierte nach der Wende Sozial- und Politikwissenschaften in Berlin; er veröffentlichte in den letzten Jahren zahlreiche Artikel zu Klimawandel und Klimapolitik, schreibt aber auch Gedichte, Theaterstücke und Romane.

Angesichts der Klimakatastrophe plädiert er für eine erneute, diesmal ökologische Wende, für Neues Denken und Handeln und eine parteienübergreifende Koalition der

Vernunft. Es braucht eine "Alternative für das Leben" ,damit der Planet bewohnbar bleibt.

 

Wer wir sind

Ich bin klickbar, klick mal!

Spruch des Monats

"Die roten Linien für einige Kippelemente im Klima- und Erdsystem, könnten genau im Pariser Korridor,

zwischen 1.5 und 1.8 Grad liegen. "

 „Was wir derzeit noch nicht wissen, ist, ob das Klimasystem sicher bei etwa 2°C über dem vorindustriellen Niveau ‚geparkt‘ werden kann, wie es das Pariser Abkommen vorsieht. Oder ob es, einmal so weit angestoßen, weiter abrutschen würde in ein dauerhaftes Supertreibhaus-Klima."

 

Hans Joachim Schellnhuber, amtierender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

 

Der Spruch des  Jahrhunderts:                                                       Wir werden erdsystemkompatibel sein, oder wir werden nicht sein. J.T.


Forscher warnen vor einer Heißzeit                                                                   Der Planet könnte eine kritische Schwelle überschreiten und sich von alleine weiter erwärmen. Grund dafür sind Kippelemente im Klimasystem.

Der Planet könnte durch verschiedene Rückkopplungsprozesse im Klima- und Erdsystem in den anderen Systemzustand einer Heißzeit und in ein dauerhaftes Supertreibhaus-Klima abrutschen. In dieser „Hothouse Earth“ gäbe es 4-5 Grad höhere Temperaturen und einen verstärkten Meeresspiegelanstieg von bis zu 60 Metern. Grund dafür sind Kippelemente im Klimasystem, die eine noch stärkere Erwärmung, auch ohne weiteres menschliches Zutun,  bewirken könnten.

 

Darauf weist ein internationales Team von Wissenschaftlern vom Stockholm Resilience Center, der Universität Kopenhagen, der Australian National University und vom Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in einer neuen Studie hin, die unter dem Titel “Trajectories of the Earth System on the Anthropocene” im amerikanischen Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschien ist.

Die weltweit für Aufsehen sorgende Studie untersucht, wie Veränderungen im Erdsystem die Erderwärmung beeinflussen.

„Industrielle Treibhausgasemissionen sind nicht der einzige Faktor, der die Temperatur auf der Erde beeinflusst. Unsere Arbeit weist darauf hin, dass eine vom Menschen verursachte globale Erwärmung von 2 Grad andere Prozesse des Erdsystems anstoßen könnte (oft als Rückkopplungen bezeichnet). Diese wiederum könnten die Erwärmung weiter vorantreiben, – selbst wenn wir aufhörten, Treibhausgase auszustoßen“, sagt Leitautor Will Steffen von der Australian National University (ANU) und dem Stockholm Resilience Centre (SRC).

Der Übergang zu einer emissionsfreien Weltwirtschaft müsse deshalb deutlich beschleunigt werden, argumentieren die Autoren.

Das heißt: Selbst bei Umsetzung der im Pariser Abkommen festgelegten Pläne zur Minderung von Treibhausgasemissionen, -was ja immer unwahrscheinlicher wird-, bleibt ein beträchtliches Risiko, dass der Planet in einen anderen Zustand kippt.

«Werden empfindliche Elemente des Erdsystems gekippt, könnte sich die Erwärmung durch Rückkoppelungseffekte selbst weiter verstärken“, so Mitautor und PIK-Gründungsdirektor Hans Joachim Schellnhuber. Die roten Linien für einige der Kippelemente liegen wohl genau im Pariser Korridor zwischen 1,5 und 2 Grad Erwärmung. „ Man könne sich nicht darauf verlassen, dass das Erdsystem bei 2 Grad langfristig sicher «geparkt» werden könne“, so Schellnhuber weiter.

 

Rückkopplungen und Kippelemente

 

Die Wissenschaftler verweisen in ihrer Studie auf zehn Aspekte des "Erdsystems", die von bislang "neutral" oder "hilfreich" zu "schädlich" kippen könnten. Dabei würden dann mehr CO2 und Methan in die Atmosphäre abgegeben, als durch jegliche menschliche Aktivität zusammengenommen.

Zu diesen Prozessen gehören der Studie zufolge unter anderem das Auftauen der seit Urzeiten gefrorenen Permafrostböden, das teilweise Absterben des riesigen Amazonas-Regenwalds und von Wäldern auf der Nordhalbkugel sowie das Schmelzen von Meereis und Eisschilden an den Polen. Auch die Destabilisierung sogenannter Methanhydrate in der Tiefsee oder die Vermehrung von treibhausgasproduzierenden Bakterien in den Ozeanen gehören zu diesen großen Risikofaktoren. Durch das Überschreiten kritischer Schwellen könnten Kippelemente in fundamental andersartige Zustände versetzt werden. Die Rückkopplungen könnten z.B. Kohlenstoffspeicher in Kohlenstoffquellen verwandeln, die in einer entsprechend wärmeren Welt unkontrolliert Emissionen freisetzen würden. Zu den kritischen Prozessen gehört insbesondere diese Schwächung der Kohlenstoffsenken an Land und in den Ozeanen, durch das teilweise Absterben des Amazonas-Regenwaldes (wurde im letzten Jahrzehnt von mehreren schweren Dürren heimgesucht)  und der borealen Wälder und z.B. durch das schwindende Phytoplankton.

Hinzu kommt eine verändert Wärmerückstrahlung (Albedo) durch die Verringerung der Schneedecke auf der Nordhalbkugel, den Verlust von arktischem und antarktischem Meereis sowie das Schrumpfen der großen Eisschilde.

Der Beitrag der Antarktis zum Anstieg des Meeresspiegels erweist sich überdies bereits als viel höher, als bisher angenommen.  Neuere Messungen und Simulationen zeigen besorgniserregende Ergebnisse. Die dortigen Eismassen reichen aus, um die Ozeane um unvorstellbare 60 Meter ansteigen zu lassen.

 

Im Erdsystem gebe es eine Reihe von "Dominosteinen", betonte Johan Rockström vom ebenfalls an der Studie beteiligten Stockholm Resilience Center. Falle einer dieser Steine um, könne er das gesamte Erdsystem weiter auf den nächsten Kipppunkt zutreiben. Für die Menschheit würde es dann "sehr schwierig oder sogar unmöglich" werden, die komplette Reihe von "Dominosteinen" vor dem Umfallen zu bewahren. Nach PIK-Angaben könnte das bedeuten, dass sich der Klimawandel dann selbst verstärkt - "auf lange Sicht, über Jahrhunderte und vielleicht Jahrtausende".

Angesichts dieser Unsicherheiten fordern die Studienautoren, treibhausgasproduzierende Prozesse schneller zu beenden, etwa in der Industrie und in der Landwirtschaft.

 

Die Reduktion von Treibhausgasen allein reicht nicht aus
 „Die Treibhausgasemissionen aus Industrie und Landwirtschaft bringen unser Klima und letztlich das ganze Erdsystem aus dem Gleichgewicht, das zeigen wir auf.“ Die von den Treibhausgasen verursachte Erwärmung verändert und destabilisiert unsere natürliche Umwelt.  

 

„…Kippelemente können sich, – sobald ein bestimmtes Belastungsniveau einmal überschritten ist – grundlegend, schnell und möglicherweise irreversibel verändern. Gewisse Kaskaden solcher Ereignisse könnten das gesamte Erdsystem in eine neue Betriebsweise kippen“, sagt Hans Joachim Schellnhuber, amtierender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. „Was wir derzeit noch nicht wissen, ist, ob das Klimasystem sicher bei etwa 2°C über dem vorindustriellen Niveau ‚geparkt‘ werden kann, wie es das Pariser Abkommen vorsieht. Oder ob es, einmal so weit angestoßen, weiter abrutschen würde in ein dauerhaftes Supertreibhaus-Klima. Die Schwelle hin zu einem deutlich anderen Zustand der Erde könne bei 2 Grad liegen, es sei aber unsicher, wo eine solche Schwelle tatsächlich liege. In diesem Jahr schien es allerdings, als sei die Schwelle bereits überschritten.

 

Um die Chancen zur Vermeidung einer „Heißzeit“ zu verbessern, braucht es nicht nur eine entschlossene Minderung von Kohlendioxid- und anderen Treibhausgasemissionen. Auch erweiterte biologische Kohlenstoffspeicher, etwa durch ein verbessertes Wald-, Landwirtschafts- und Bodenmanagement, oder die Erhaltung der biologischen Vielfalt sowie Technologien, um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen und unterirdisch zu speichern, können eine wichtige Rolle spielen, so die Autoren. Entscheidend sei, dass diese Maßnahmen durch grundlegende gesellschaftliche Veränderungen gestützt werden.

 

Zusammengestellt  von Jürgen Tallig       August 2018                             tall.j@web.de

 

https://earthattack-talligsklimablog.jimdofree.com/

 

Einmal Heißzeit und zurück

Kann man Kippprozesse rückgängig machen?

 

Die menschliche Zivilisation überlastet und destabilisiert das System Erde in vielfältiger Weise.

Die Hauptbedrohung resultiert aus der exzessiven Nutzung fossiler Brennstoffe und der damit verbundenen Aufheizung des Planeten. Die von der Menschheit derzeit verursachten Treibhausgas-Emissionen sind mindestens  10mal so hoch, wie beim schnellsten natürlichen Klimawandel der Erdgeschichte. Beim PETM (Paläozän Eozän Temperatur Maximum) gab es eine Gesamtfreisetzung von 4-6 Gt pro Jahr und das bei einer voll funktionsfähigen Biosphäre, was die Temperatur der Erde in  20000 Jahren um ca. 5 Grad erhöhte. Beim PETM erwärmte sich die Erde um 0.025 Grad  in 100 Jahren (also um ein vierzigstel Grad). Jetzt werden es im selben Zeitraum wahrscheinlich fünf Grad und mehr sein. Die heutige Erderwärmung verläuft also mit erdgeschichtlich beispielloser Geschwindigkeit, nämlich mindestens 100mal so schnell wie bisherige natürliche Klimaänderungen.

Die Weltgemeinschaft hat sich im Pariser Klimavertrag völkerrechtlich verbindlich verpflichtet, die Erderwärmung auf 1.5 bzw. weit unter 2 Grad (etwa 1.8 Grad) zu begrenzen und die Emissionen entsprechend zu senken.

Doch die Menschheit ist weiter dabei, die „Planetaren Leitplanken“ zu durchbrechen und das System Erde, möglicherweise irreversibel zu destabilisieren. Die derzeitigen, völlig unzureichenden freiwilligen Selbstverpflichtungen zur Treibhausgas- Reduzierung bedeuten faktisch ein „weiter so wie bisher“ und würden eine Erderwärmung von mindestens 3.2 Grad verursachen, die sich aber eher als eine von 5 Grad und mehr erweisen dürfte. Doch bereits eine Erwärmung von drei Grad wäre dramatisch, wenn man bedenkt, dass jedes Grad Temperaturerhöhung langfristig zu einem Meeresanstieg von 3 Metern und mehr führt. Das ist schon schlimm genug.

Aber je länger eine substanzielle Reduzierung der Treibhausgasemissionen hinausgezögert wird, desto weiter schreiten auch die Kippprozesse im Klima- und Erdsystem voran und heißt es nicht, gekippt ist gekippt? Die Kipppunkte sind, laut Prof. Schellnhuber, dem scheidenden Direktor des Potsdam Instituts  für Klimafolgenforschung (PIK), bereits viel näher als bisher gedacht. Eine symbolische Klimapolitik des Aufschubs und der Vertagung, des so tun „als ob“, wie in den vergangenen 25 Jahren, ist auch mit dem Etikett freiwilliger Selbstverpflichtungen, nicht mehr verantwortbar. Die Erde können wir nicht manipulieren.  

Entweder wir bleiben innerhalb der lebensfreundlichen Rahmenbedingungen, die das Klima- und Erdsystem seit Jahrmillionen aufrecht erhält, oder wir fallen aus dem Rahmen. Entweder wir bleiben im Rahmen des Möglichen oder wir werden ihn auf immer verlassen und zerstören.

Das kann man so doppeldeutig nehmen, wie es gemeint ist. Die Erde ist schon dabei, die Schwelle zur Heißzeit zu überschreiten und in einen lebensfeindlichen Systemzustand überzugehen, was wir noch verhindern, aber nicht rückgängig machen können.

Jenseits von Kipppunkten  treten verstärkt positive, also verstärkende Rückkopplungen mit anderen Elementen des Klimasystems auf, so dass sich die Veränderungen wechselseitig aufschaukeln. Am Beispiel der Arktis zeigt sich das besonders deutlich.

Die Arktis ist bereits gekippt

Daran erinnerte uns im Frühling 2018 mehrfach eisige Polarluft,- der Polarwirbel war zusammengebrochen. Gleichzeitig war es in der Arktis viel zu warm, teils wärmer als in Mitteleuropa, was zu massiven Eisverlusten und minimaler Meereisbedeckung führte.

 Wo doch schon die eine Hälfte des Meereises verschwunden ist und die andere immer dünner wird. Das ist in nur 20 Jahren passiert, einem erdgeschichtlichen Wimpernschlag und es ging viel schneller,  als gedacht. Die Arktis ist bereits unwiderruflich gekippt, nichts wird mehr so sein, wie es war. Und in nur 10  Jahren wird die Arktis im Sommer wahrscheinlich ganz eisfrei sein und dem Atlantik immer ähnlicher werden.

 In der sich am schnellsten erwärmenden Region der Erde ist durch das Verschwinden des arktischen  Meereises und die veränderte Albedo (Wärmerückstrahlung) nun sogar eine Art zusätzlicher Heizung in Betrieb. Es werden nicht mehr 80-90% der Wärmeeinstrahlung durch Eis und Schnee reflektiert, sondern  das Meerwasser nimmt  80-90 % der Wärme auf und speichert sie. Je weniger Eis, desto stärker die Erwärmung, je stärker die Erwärmung, desto weniger Eis.                                    

 Die Atmosphärische Zirkulation der Nordhalbkugel ist zudem stark verändert,- der finale Temperaturausgleich zwischen Arktis und Subtropen scheint in vollem Gange, warme Luft strömt oft weit nach Norden und kalte Luft nach Süden. Die Nordischen Wälder trocknen zunehmend aus  und brennen daher immer häufiger  und der Permafrost taut immer großflächiger und tiefer auf. Wir haben es hier mit einer klassischen Rückkopplungsschleife zu tun, die gleich mehrere Verstärkungen hat: Immer mehr CO2 in der Atmosphäre -Erwärmung –Eisschmelze –veränderte Albedo-weitere Erwärmung- veränderte atmosphärische Zirkulation –zusätzliche Erwärmung -tauender Permafrost- Freisetzung von CO2–Freisetzung von Methan –beschleunigte weitere Erwärmung mit noch mehr Eisschmelze und noch mehr auftauendem Permafrost und  Wäldern unter Hitzestress und mit verringerter CO2- Aufnahme usw.usf. Die Erderwärmung wird also auf vielfache Weise verstärkt.

 Besonders bedeutsam ist die massive Freisetzung von Treibhausgasen aus natürlichen Quellen und die gleichzeitige Schwächung der natürlichen CO2- Senken,  ein Vorgang der nicht nur in der Arktis, sondern weltweit stattfindet.

Der Kollaps des Kohlenstoffkreislaufs

Der  CO2- Gehalt der Atmosphäre hat längst den natürlichen Schwankungsbereich zwischen 250 und 300 ppm (parts per million) verlassen und ist mit 410 ppm so hoch, wie seit vielen hunderttausend Jahren nicht mehr. Man kann jetzt eigentlich auch nicht mehr von einem Kreislauf sprechen, da das Ungleichgewicht zwischen CO2- Freisetzung und CO2- Aufnahme, also zwischen Quellen und Senken derartig groß ist, dass nur noch ein Teil des Kohlendioxids einen Kreislauf durchläuft. Allein von den menschlichen Emissionen aus Verbrennung, in Höhe von reichlich 40 Gt jährlich,  verbleiben 20 Gt bereits direkt in der Atmosphäre, je ein Viertel wird noch von der Landbiosphäre und den Ozeanen aufgenommen, wobei sich die Aufnahmefähigkeit der CO2- Senken zunehmend reduziert.

 Hinzu kommen ja noch die Entwaldung, andere CO2- Quellen und die anderen Treibhausgase, wie z.B. Methan, wodurch die Gesamtemission an Treibhausgasen heute bereits bei über 80 Gt  

CO2- Äquivalent liegen dürfte (für 2010 gibt O. Edenhofer bereits 67 Gt an, siehe Atlas der Globalisierung, 2015).

 Der Treibhauseffekt und die Aufheizung  der  Erde verstärken sich dadurch immer weiter, was  wiederum die Biosphäre  unter Druck setzt und dezimiert. So war der Amazonas- Regenwald seit 2005 bereits von fünf schweren Dürren betroffen, was zum Verlust von Milliarden Bäumen führte.

 Prof. Johan Rockström vom  Stockholm Resilience Centre, einer der neuen Direktoren des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), prognostiziert in seiner Stellungnahme „The 10 Science must knows on Climate Change“  sogar den bevorstehenden weitgehenden Zusammenbruch der biosphärischen Kohlenstoffsenken ab ca. 2030. Im Diagramm auf Seite 11 über einen Dekarbonisierungspfad entsprechend dem Pariser Abkommen,  sind die möglichen Entwicklungen skizziert. Die Fähigkeit der Wälder und der ozeanischen Biomasse, Kohlendioxid zu binden, reduziert sich demnach auf etwa ein Drittel bis 2060, um danach weiter abzunehmen.

 In seinem Diagramm schließt Prof. Rockström  diese gigantische Lücke in der Kohlenstoffbilanz durch anthropogene CO2- Senken, die ab ca. 2040 den Verlust der natürlichen Senken ausgleichen und 2100 deren Kapazität von 2010 erreicht haben sollen. Dieses Diagramm ist in mehrfacher Hinsicht äußerst bemerkenswert.

 Einmal ist es natürlich erschreckend, dass der Zusammenbruch der biosphärischen Kohlenstoffsenken so nahe bevorstehen könnte. Zum anderen tut sich darin ein enormer Technikoptimismus kund. Könnte die Menschheit tatsächlich fast die gesamte Biosphäre ersetzen?

 Kann man Kippprozesse rückgängig machen?

 Dies ist angesichts der Tatsache, dass die Menschheit ja nicht einmal in der Lage ist, die vorhandene Biosphäre zu bewahren, zwar von vornherein unwahrscheinlich, doch die Rückkopplungen und Verstärkungen im Erdsystem machen es eigentlich unmöglich.

 Mit dem Ausfall vieler Wälder und der nachlassenden CO2- Aufnahme durch die Ozeane wären ja entscheidende Kipppunkte im Klimasystem erreicht. Wenn die Landbiospäre weitgehend kollabiert, reduziert sich ja nicht nur die  CO2- Aufnahme (Senkenfunktion) der Wälder, sondern sie  werden gleichzeitig zu CO2- Quellen.  Es sind etwa 500 Gigatonnen (Gt = Milliarden Tonnen) Kohlenstoff in der Biomasse gebunden, was 1830 Gt CO2 entspricht, das ist in etwa so viel, wie die Menschheit bisher insgesamt freigesetzt hat. All dieser Kohlenstoff würde früher oder später durch Waldbrände, menschliche Nutzung  und mikrobielle Zersetzung in die Atmosphäre gelangen.

 Auch das weitere Auftauen des Permafrosts setzt immer mehr CO2 und Methan frei und langfristig droht das Auftauen der Methanhydrate. Methan oxydiert nach etwa 10 Jahren zu Kohlendioxid und erhöht so letztlich auch den CO2- Gehalt der Atmosphäre, der sich durch all diese Emissionen aus der Natur mehr als verdoppeln könnte.

Dieser erhöhten Freisetzung von Treibhausgasen steht eine stetig abnehmende Aufnahme von CO2 durch die Wälder gegenüber, aber auch die biologische, chemische und physikalische CO2- Aufnahmefähigkeit der Ozeane verringert sich durch Erwärmung und Versauerung immer weiter.

 Der zunehmende Ausfall der natürlichen Senken verursacht eine starke Erhöhung des CO2- Gehalts der Atmosphäre, da ihr nun viel weniger Kohlendioxid wieder entzogen wird. Diesen Anstieg müssten  die anthropogenen Senken als erstes kompensieren. Wenn man die Erderwärmung auf 1.5 oder 2 Grad  begrenzen will, muss man den  CO2- Gehalt der Atmosphäre  zudem wieder senken, auf etwa 350 ppm. Heute beträgt er ja schon 410 ppm, bei unverändert stark steigender Tendenz.

 Für eine Reduktion bräuchte man zusätzliche Senkenkapazität  und für den Ausgleich der Verstärkung der Erderwärmung durch weitere erdsystemische Veränderungen, wie die abnehmende Albedo, noch welche. Die künstlichen Senken müssten also letztlich die vielfache Kapazität einer intakten Biosphäre erreichen.

 Das ist eine wohl unlösbare Aufgabe, zumal all diese Verfahren zur CO2- Rückholung weitgehend unerprobt und ineffizient sind und mit erheblichen Risiken und einer enormen Freisetzung von Treibhausgasen verbunden wären und die ohnehin schrumpfende landwirtschaftliche Nutzfläche stark in Anspruch nehmen würden.

Wenn die Kippprozesse im Klima-und Erdsystem bestimmte Punkte erreichen, setzt eine Dynamik ein, die man hinterher kaum wieder rückgängig machen kann, dann kippt letztlich das ganze System. 

 Wir können nur vorher versuchen, diesen Point of no Return niemals zu erreichen.

 Wenn es uns nicht gelingt, rechtzeitig entschlossen umzusteuern, dann könnte die Zukunft bald so aussehen, wie in diesem naturgemäß fiktiven Bericht aus dem Jahr 2035. Er beruht auf den heute schon bekannten Tatsachen und verdeutlicht die zwangsläufigen Konsequenzen eines „Weiter so“.

 

Ein Bericht aus der Zukunft des Jahres 2035

 „Es ging dann alles sehr schnell.

 Im Jahr 2028 war die Arktis das erste Mal im Sommer völlig eisfrei. Die Temperaturen in den nördlichen Polarregionen erhöhten sich, nach den schon dramatischen Anstiegen der letzten Jahre noch einmal schlagartig und es kam zu einer beispiellosen Waldbrandsaison in den Nordischen Wäldern. Das Auftauen des  Permafrost trat in ein neues Stadium und die Freisetzung von Methan und Kohlendioxid nahm dramatisch zu.

 Ein Jahr später kollabierte der Amazonasregenwald in einer Superdürre und ging zu großen Teilen in Flammen auf, nachdem er schon all die Jahre davor, schwer von Dürren betroffen war.

 Die jährliche Zunahme der CO2- Konzentration in der Atmosphäre verdoppelte sich.

 Damit war der Kohlenstoffkreislauf unumkehrbar aus dem Gleichgewicht gebracht und die globale Durchschnittstemperatur erhöhte sich immer schneller.

 An eine Kompensation des weitgehenden Verlustes der natürlichen CO2- Senken durch menschliche Ausgleichsmaßnahmen, wie großflächige Neupflanzungen, war angesichts der weltweiten Zunahme von Katastrophen immer größeren Ausmaßes, nicht zu denken. Die Atmosphärische Zirkulation veränderte sich vollständig und chaotisch, und warme Luft konnte nach dem Zusammenbruch des Polarwirbels ungehindert nach Norden fließen, doch auch im Süden wurde das „ewige Eis“ der Antarktis durch das Vordringen warmer Luft und warmen Wassers massiv destabilisiert.

 Das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes und der Antarktis beschleunigte sich dramatisch. Das Meer stieg nun um über 3cm jährlich, mit zunehmender Tendenz  und würde schon zur Jahrhundertmitte einen Meter höher sein als bisher. Viele Küstenregionen wurden viel eher unbewohnbar, als gedacht.  Zudem kam es in Asien und Afrika zu schwersten Dürren und Überschwemmungen. Dutzende Millionen Menschen machten sich auf den Weg nach Norden.

 Doch auch Europa und Nordamerika wurden 2033 von einer beispiellosen Dürre heimgesucht, es gab Missernten und Lebensmittelrationierung,  Waldbrände wüteten aller Orten und die Flüsse begannen auszutrocknen, so dass Kraftwerke abgeschaltet werden mussten. Ein Jahr zuvor, hatten noch wahre Jahrtausendfluten weite Landstriche unter Wasser gesetzt und schwerste Verwüstungen angerichtet. Die heftigen Herbst- und Winterstürme hatten überdies gewaltige Zerstörungen in den Wäldern angerichtet.

 Jetzt ging es um Überlebenssicherung, Reparaturen, Wiederaufbau, -darum, das tote Holz aus den Wäldern zu schaffen, die Energieversorgung sicherzustellen und umzubauen…

Wie sollte man da zig Milliarden Bäume pflanzen, um den Amazonas- Regenwald zu ersetzen. Wenn wir es in all den vergangenen Jahrzehnten nicht geschafft hatten, das Richtige und Notwendige zu tun, wie sollten wir es jetzt können? Jetzt musste sich jeder selbst helfen. Wir hatten uns die Erde endgültig zum Feind gemacht, - ihr zu helfen, das überstieg  unsere Kräfte.“

 So oder so ähnlich wird es früher oder später ablaufen. Damit hätte das System Erde seine Fähigkeit

 zur Regulierung der Treibhausgase in der Atmosphäre und zur Temperaturregulierung des Planeten weitgehend eingebüßt und die Aufheizung würde sich ungehindert immer weiter beschleunigen.

Dieser Übergang der Erde in den lebensfeindlichen Systemzustand einer Heißzeit, ist nur noch eine Frage der Zeit. All die genannten Veränderungen sind heute bereits im Gange und führen längst zu einer beständig zunehmenden Destabilisierung des Systems Erde und zur Zerstörung seiner Selbsterhaltungsfähigkeit. Die Pufferkapazitäten der Erde sind sowohl bei der Wärmeaufnahme als auch bei der CO2- Aufnahmefähigkeit offensichtlich bald aufgebraucht, doch die Verstärkungen der Erderwärmung nehmen immer weiter zu.

 Die zunehmende natürliche Verstärkung der Erderwärmung

 erfolgt auch durch die dramatische  Veränderung riesiger Flächen, -in der Arktis, Grönland, Sibirien, Kanada, Alaska, der Antarktis, um nur einige der betroffenen Regionen zu nennen. Das sind dutzende Millionen Quadratkilometer, wo das Eis schmilzt und sich die Vegetation verändert.

 Diese Veränderungen führen zu einer deutlich abnehmenden Albedo (Wärmerückstrahlung)  der Erde, wodurch der  Erde zusätzlich eingeheizt wird. Das ist ein weiteres, wohl bisher unterschätztes Kippelement im Klimasystem.

Genannt sei hier nur die beständige Abnahme der globalen Meereisbedeckung, sie lag im November 2016 vier Millionen km² unter dem langjährigen Mittel. Das heißt, eine Fläche von der Größe der EU reflektiert nicht mehr wie bisher 80 % der Wärme, sondern das offene Meerwasser nimmt diese Wärme auf und speichert sie. Auf Grönland ist der Eisschild zudem zunehmend von einer grauschwarzen Schicht aus Schmutz- und Rußpartikeln bedeckt, was gleichfalls die Wärmerückstrahlung massiv reduziert und damit das Abschmelzen des Eises weiter beschleunigt.

 Auch die Gebirgsgletscher schmelzen weltweit rasant, was man in manchen Skigebieten mit Schneekanonen und durch das Auflegen weißer Plastikplanen zu verlangsamen versucht…

 Wir Menschen würden sehr schnell wieder Demut gegenüber der Natur entwickeln und erfahren wie klein wir sind, wenn wir nur einen Bruchteil der riesigen Gebiete, die wir im Norden verändert haben, mit weißen Plastikplanen abdecken wollten.

 Die Dimensionen dieser Veränderungen machen deutlich, dass sich die Erde auf dem Weg in eine beispiellose Klimakatastrophe befindet, mit Folgen, deren Ausmaß wir bisher nur ansatzweise überblicken und die weder beherrschbar, noch  rückgängig zu machen sein werden. Doch nachwievor steht Problemvertagung statt Problemlösung auf der Tagesordnung.

 Russisch- Roulette mit der Erde

Unser eigener Größenwahn (Anthropozän) verkleinert die Erde zu einer handhabbaren Immobilie, von der wir meinen, wir könnten sie alle Zeit beliebig unseren Verwertungsbedürfnissen anpassen und beliebig steuern. All die starken Worte von Geoengeneering, Klimabeeinflussung und Terraforming sollen suggerieren, es gäbe notfalls einen technisch machbaren Weg zur Begrenzung der Erderwärmung, ohne Emissionsreduzierungen und ohne limitierenden Zeitfaktor, man könne also das Problem auch später irgendwie in den Griff zu bekommen. Das beruhigt vor allem die zusehends besorgte Öffentlichkeit und es beruhigt das eigene Gewissen.

 Doch es ist ein Ausdruck von Verblendung und  Selbstüberschätzung (Hybris) zu meinen, die Menschheit könne nachträglich einen planetaren Systemübergang rückgängig machen und bräuchte ihn deshalb nicht verhindern. Hierin offenbart sich eine fatale Fehleinschätzung der Realität.

 Wenn die Erde die Schwelle zur Heißzeit einmal überschritten hat, dann ist ein sich selbst verstärkender Aufheizungsprozess im Gange, den wir nicht mehr stoppen können.

 Wir spielen gewissermaßen Russisch- Roulette mit der Erde und haben noch nicht verstanden, dass der Revolver voll geladen ist.

 Es gibt einen lebensfreundlichen Bereich von Umweltbedingungen, an den die Biosphäre und der Mensch sich über lange Zeiträume hinweg evolutionär angepasst haben und es gibt lebensfeindliche Umweltbedingungen. Eine nach erdgeschichtlichen Maßstäben, blitzartige Erwärmung der Erde um 5 oder gar 8 Grad, bedeutet den wahrscheinlich irreversiblen und viel zu schnellen Übergang in eine völlig andere Welt und überfordert damit jede Anpassungsfähigkeit, was das fast vollständige Aussterben des Lebens und der Menschheit zur Folge haben könnte. Diese Veränderungen würden mehrere Zehn bis hunderttausend Jahre andauern und sich noch weiter verstärken und es ist völlig ungewiss, ob sich das System Erde überhaupt jemals wieder stabilisieren kann,- wenn nicht, würde sich der leblose Planet, entsprechend seiner Umlaufbahn, auf bis zu 240 Grad Celsius aufheizen.

 Es ist an uns, diese Eskalation zu vermeiden und im gegebenen natürlichen Rahmen zu verbleiben und die weitere Zerstörung der Lebensgrundlagen zu beenden.

 Hierzu sind eine schnelle „Große Transformation“ der Gesellschaften und ein großangelegtes Programm zur Stabilisierung des Klima- und Erdsystems notwendig. Die Kohlendioxid-Emissionen müssen binnen 10 Jahren weit mehr als halbiert werden und schnellstmöglich gegen Null gehen und zusätzlich muss der Atmosphäre sofort Kohlendioxid in ungeheuren Mengen entzogen werden,- noch vor dem Kollaps der Biosphäre. Wir müssen also nicht nur die CO2- Quellen verstopfen, sondern sofort die CO2- Senken sichern und erheblich erweitern, was u.a. bedeuten würde, die Photosynthese betreibende Pflanzenmasse schnellstmöglich  zu verdoppeln, statt ihre nochmalige Halbierung abzuwarten. Der Mensch hat in den letzten 10000 Jahren, seit seinem „Erscheinen im Holozän“, bereits mehr als die Hälfte des Waldes auf der Erde verbraucht und vernichtet. Es ist allerhöchste Zeit, diesen Trend umzukehren und der Erde endlich wieder zurückzugeben, was wir ihr genommen haben. Diese ökologische Wende muss allerdings jetzt erfolgen, denn im  Jahr 2035 könnte es bereits unmöglich sein, das Geschehen noch entscheidend zu beeinflussen.

 

Jürgen Tallig     2018     tall.j@web.de

 

 Literatur:

 Lee R.Kump, Was lehrt uns die letzte Erderwärmung, Spektrum Spezial 4/2012

 WBGU, Zivilisatorischer Fortschritt innerhalb planetarischer Leitplanken, 2014

 WBGU, Entwicklung und Gerechtigkeit durch Transformation, Sondergutachten 2016

 Maria A. Martin, Das riskante Spiel mit dem Gleichgewicht, Kippelemente im Klimasystem, 2014

S. Rahmstorf, Können wir die globale Erwärmung rechtzeitig stoppen?, KlimaLounge,11.04.2017

 Rockström J., „The 10 Science must knows on Climate Change“, 2017 

Tallig J., „Rasante Zerstörung des Blauen Planeten“ Umwelt aktuell               12.2016/01.2017

             „Die tödliche Falle“ in Umwelt Aktuell 11/2017

 H.J. Schellnhuber, Selbstverbrennung, 2015

 David Wallace-Wells, „Der Planet schlägt zurück“ (dt. im „Freitag“,20.07.2017)

 F.Ekardt, Paris- Abkommen, Menschenrechte und Klimaklagen, 2018

 

TITANIC. CO2- neutral

Ökologische Modernisierung als Konjunkturprogramm

 

Der CO2- Gehalt der Atmosphäre hat längst den natürlichen Schwankungsbereich zwischen 250 und 300 ppm verlassen und ist mit 410 ppm so hoch, wie seit etwa sechshunderttausend Jahren nicht mehr.

Diese Veränderung erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Erde bereits in einer Warmzeit befindet und sie erfolgt nach erdgeschichtlichen Maßstäben so schnell, dass sich die Biosphäre nicht an diese sprunghafte Veränderung anpassen kann. Beim bisher schnellsten natürlichen Klimawandel, dem Paläozän-Eozän-Temperatur-Maximum (kurz PETM) vor 56 Millionen Jahren kam zu einer Erderwärmung von 5 Grad  innerhalb von 20000 Jahren und der Übergang von der letzten Eiszeit  ins derzeitige Holozän, als sich die Erde gleichfalls um 5 Grad erwärmte, dauerte immerhin auch 12000 Jahre.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Der menschgemachte Turboklimawandel verläuft viel schneller, als bisherige natürliche Klimaänderungen. Er ist kein normaler Klimawandel, wie es ja in der Erdgeschichte viele gab, sondern aufgrund seiner Geschwindigkeit, ein singuläres Ereignis, nämlich  inzwischen unübersehbar, eine kaum noch zu stoppende Klimakatastrophe.

Biosphäre, Klimasystem und entscheidende Regelkreise des Systems Erde stehen vor dem Kollaps.
Die derzeitige schnelle Freisetzung von gigantischen Mengen an Treibhausgasen ist erdgeschichtlich beispiellos und überfordert das System Erde. Allein unsere CO2-Emissionen von fast 40 Gt jährlich, sind zehnmal so hoch, wie bei vergleichbaren, natürlichen Klimaänderungen.

Die hehren Ziele des zahnlosen und unverbindlichen Pariser Klimavertrags, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei oder gar auf 1.5 Grad zu begrenzen, stehen bisher nur auf dem Papier und der CO2- Gehalt der Atmosphäre erreicht weiter jedes Jahr neue Rekordmarken. Es ist ein sehr hohes Risiko, dem bereits stark destabilisierten Klima- und Erdsystem weiterhin, derartig hohe Emissionen zuzumuten und es, wenn überhaupt, erst in einigen Jahrzehnten zu entlasten. Dann könnte es bereits zu spät sein.

Der ungebremste, globalisierte Turbokapitalismus produziert bereits jetzt, einen nie dagewesenen Turboklimawandel. Um noch Frieden mit der Erde schließen zu können, müssen die Emissionen sofort drastisch reduziert werden und schnellstmöglich gegen Null gehen.

Dagegen gibt es natürlich massive Widerstände in Wirtschaft und Politik, wie der G20-Gipfel in Hamburg und die Diesel- Konferenz in Berlin zeigten. Der fossile Machtkomplex will grundsätzlich weitermachen, wie bisher und versucht jede Verteuerung und Besteuerung fossiler Brennstoffe zu verhindern. Es zeigt sich, dass die Klimakatastrophe nicht nur eine  technische, sondern vor allem eine politische Herausforderung ist.

Viel weniger CO2 statt immer mehr geht eben nur ohne fossile Brennstoffe und ohne ständiges Wachstum.

Der Kapitalismus ist nicht mehr zeitgemäß und dem Planeten nicht mehr zumutbar

 

Wir leben allerdings in einer Gesellschaftsstruktur, deren Bedingung und  Hauptziel unendliches Wirtschaftswachstum ist. Ein jährliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 2% ist allgemeiner gesellschaftlicher Konsens und 3% sind noch besser. Die immanenten Antriebsstrukturen kapitalistischer Gesellschaften, -Kapitalakkumulation, Geldvermehrung, der Zwang zu Mehrwert- und Profiterwirtschaftung, lassen keinen Stillstand zu und „erzwingen beständig erweiterte Reproduktion, auf immer höherer Stufenleiter“(Marx).

Ein Wachstum von 3% bedeutet aber eine Verdopplung des BIP in 25 Jahren, - und wir überlasten die Erde mit unseren Emissionen jetzt bereits um das Zehnfache.

2009 kam es zu einer Reduzierung des deutschen BIP um 5,4 % und auch die CO2-Emissionen reduzierten sich deutlich und real. Sehr gut für das Klima, möchte man meinen. Allerdings handelte es sich um die schwerste Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik und es herrschte allgemeine Weltuntergangsstimmung. Was das Klima retten könnte, weniger Wachstum und Reduzierung des Wirtschaftsvolumens, bedroht den Kapitalismus in seiner Existenz.

Der Kapitalismus hat seine historische Mission längst übererfüllt und eine ungeheure Entfaltung der Produktivkräfte und von Wissenschaft und Technik bewirkt. Inzwischen sind die Produktivkräfte längst Destruktivkräfte geworden! Wachsende Wirtschaften bedeuten längst wachsende Zerstörung und wachsende Emissionen und damit den Weg in die Klimakatastrophe! Bereits in den 50er Jahren waren die CO2-Emissionen so hoch wie beim PETM. Bald werden sie sich im Vergleich zu damals verzehnfacht haben - ein erdgeschichtlich beispiellos schneller Eintrag riesiger Mengen von Treibhausgasen in die Atmosphäre.

 

Es besteht ein antagonistischer, also nicht lösbarer Widerspruch zwischen der Begrenztheit des Systems Erde und den kapitalistischen Wachstumsgesellschaften.

 

Dabei gibt es in den überentwickelten westlichen Industrieländern keine Notwendigkeit und keinen einzigen rationalen Grund für weiteres Wirtschaftswachstum. Der Wohlstand und der Energie- und Rohstoffverbrauch sind viel zu hoch. Bei gerechter Verteilung würde schon viel weniger ein gutes Leben für alle und auch die notwendigen Emissionsminderungen ermöglichen.

 

Wachstum bis es kracht

 

Lediglich der systemimmanente Zwang zur Mehrwert- und Profiterwirtschaftung und die Renditeerwartungen der Geld-und Kapitalbesitzer erfordern immer weiteres Wachstum, immer weitere Expansion. Die reichen Weltmarktgewinner zeigen sich deshalb nicht wirklich bereit zu irgendwelchen substanziellen Einschränkungen, nicht beim Profit und also auch nicht bei den Emissionen. Der Kapitalismus ist offenbar nicht fähig oder willens der „größten Gefahr und Herausforderung in der Geschichte der Menschheit“ (UN-Generalsekretär), der Klimakatastrophe, rechtzeitig adäquat zu begegnen und will es darauf ankommen lassen.

 

Die wahnwitzige Auffassung, man könne immer weiter expandierende ökonomische Systeme trotz Beschädigung und Zerstörung der ökosystemischen Grundlagen aufrechterhalten und vielleicht später noch etwas reparieren, scheint sich durchgesetzt zu haben.

 

Es stellt sich inzwischen dringlich die Frage, gerade auch für die Umweltbewegung, ob kapitalistische Gesellschaften die nötige Begrenzungsordnung überhaupt herbeiführen können und wollen.

Sie sind zu Expansion und Wachstum verdammt und deshalb unfähig in einen stationären, erdsystemkompatiblen Zustand überzugehen.

 

Aber das System ist flexibel und  will natürlich die Wachstumschancen, die der Klimawandel, der ökologische Umbau und das  weitverbreitete ökologische Bewusstsein bieten, ausnutzen,- für weiteres  zusätzliches,  Wachstum, versteht sich, einen prosperierenden Grünen Kapitalismus…

 

Ökologische Modernisierung als Konjunkturprogramm

 

Nach 25 Jahren „Klimaschutz“, in denen sich die weltweiten CO2- Emissionen und die Zahl der Autos verdoppelt haben, kann und muss man allerdings begründet sagen, dass die derzeitigen Strukturen nicht zukunftsfähig sind. Ihre technische und energetische Modifizierung allein, führt nicht zu den notwendigen Emissionsminderungen.

 

Weiteres Wachstum und die notwendigen drastischen Emissionsreduzierungen sind offensichtlich nicht zu vereinbaren. Trotz Energiewende, Effizienzsteigerung und teilweiser Verbrauchsenkung verfehlt auch Deutschland deutlich seine Klimaziele, die ja im Wesentlichen nur durch den Zusammenbruch und Umbau der ostdeutschen Wirtschaft überhaupt in greifbarer Nähe sind. Diese Umstände haben auch dazu geführt, dass Deutschland irrtümlich, als Vorreiter beim Klimaschutz wahrgenommen wurde.

 

Real und gleichzeitig ist der Exportweltmeister und Globalisierungsgewinner Deutschland ein Ausbremser von realem Klimaschutz, der seinen kriminellen Autokonzernen kompromisslos den Rücken freihält, wie der Abgasskandal, aber auch die Verhinderung höherer EU- Abgasnormen deutlich zeigten. Auch die längst überfällige Einführung einer europaweiten CO2- Steuer wird von Deutschland verhindert, obwohl die Klimawissenschaft sich einig ist, dass dies ein effektiver Weg zur Senkung der Emissionen wäre und die Mehrheit der EU- Mitglieder einverstanden wäre.

Wenn man weiß, wie sehr sich Deutschland vom Autobau- und Export abhängig gemacht hat und wie hoch die Parteispenden der Autokonzerne sind, wundert man sich darüber auch nicht mehr. Man will die Welt auch weiterhin mit jährlich 12 Millionen Autos „beglücken“,- so hoch ist die weltweite Produktion der deutschen Autokonzerne-, Klimaschutz hin, Klimaschutz her.

 

Auch die Energiewende, wie alle anderen ökologischen Modernisierungsmaßnahmen erweist sich eher als Markterweiterungsmaßnahme und Zusatzkonjunkturprogramm,- und führt zu einem noch mehr an Angeboten und Möglichkeiten, ohne dass die anderen Wirtschaftssektoren dadurch schrumpfen würden. Das grüne Wachstum wird quasi noch oben drauf gepackt. So haben sich denn auch die Gesamtemissionen nicht vermindert. Auch die Ökologische Modernisierung der Autoflotten scheint eher ein abgestuftes Konjunkturankurbelungsprogramm: Drei Wege- Kat, Zweitwagen, Abwrackprämie, Dieselfahrverbote, Hybrid- und Elektroautos und dann das Wasserstoffauto, alles ist recht, damit weiter Autos gebaut werden können und die übersättigten Märkte wieder etwas Nachfrage generieren. Ob nun durch sacht steigende Umweltnormen, angeheizte Debatten über Belastungsgrenzen, eingebauten oder moralischen Verschleiß,-Hauptsache es wird gekauft. Der eigentlich notwendige Abschied vom Auto, die einzig realistische Alternative, bleibt dagegen „undenkbar“. „Es muss ja weitergehen…“, auch wenn damit das Klimasystem in keiner Weise entlastet wird.

 

 Zur Herstellung eines Elektroautos benötigt man doppelt so viel Energie (wegen der Batterieherstellung) wie für einen Benziner und solange der Strom überwiegend mit fossilen Brennstoffen erzeugt wird, ist mit Strom fahren auch nicht klimafreundlicher. Das technisch längst mögliche 3- Liter- Auto wird allerdings nachwievor nicht gebaut. Ganz im Gegenteil, die Autos werden immer größer und schwerer, statt kleiner und leichter und ihr Verbrauch nimmt zu statt ab, was man mit kriminellen Methoden zu verschleiern sucht. Das Marktsegment der spritschluckenden schweren Luxuslimousinen bleibt ohnehin völlig unangetastet. Die riesigen SUV wurden in den USA sogar steuerlich begünstigt, was diesen, angesichts der Klimakatastrophe, völlig absonderlichen Hype auslöste, der ja auch Europa erreichte. Es geht um Profit, nicht um das Klima.

 

Die Titanic wird ein wenig umgerüstet und mit Segeln, schweren Batterien und einem zusätzlichen Biogasantrieb versehen und natürlich wird der Müll getrennt und dann in Müllverbrennungsanlagen verfeuert. Doch auch die „grüne“, „CO2- neutrale“ Titanic bleibt mit unveränderter Geschwindigkeit weiter auf Kollisionskurs mit dem Planeten, denn ihr Hauptantrieb bleibt in Betrieb und produziert unverändert viel zu viele Treibhausgase und auch der Kurs in eine Zukunft ewigen Wachstums steht keineswegs in Frage,

- bis es kracht!

 

Jürgen Tallig   2018                                       tall.j@web.de

 

https://earthattack-talligsklimablog.jimdofree.com/

 

Literatur:

Lee R.Kump, Was lehrt uns die letzte Erderwärmung, Spektrum Spezial 4/2012

                        www.spektrum.de/artikel/1121040

S. Rahmstorf, Können wir die globale Erwärmung rechtzeitig stoppen?, KlimaLounge,11.04.2017

U.Brand/M.Wissen, Imperiale Lebensweise, 2017

Fred Luks, Die Zukunft des Wachstums, 2001

WBGU, Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation, Hauptgutachten 2011

WBGU, Zivilisatorischer Fortschritt innerhalb planetarischer Leitplanken, 2014

WBGU, Klimaschutz als Weltbürgerbewegung, Sondergutachten 2014

WBGU, Entwicklung und Gerechtigkeit durch Transformation, Sondergutachten 2016

Umweltbundesamt, Nachhaltiges Deutschland, 1997

„Zukunftsfähiges Deutschland“, Studien des Wuppertal Instituts 1997 und 2008

 

 

 


Jürgen Tallig hat sich schon in der DDR mit Umweltthemen beschäftigt und bereits 1987 in Leipzig mit Freunden einen Gesprächskreis zu Rudolf Bahros, "Alternative" durchgeführt. Gorbatschows "Neues Denken" schien den Weg zur Lösung der Globalen Probleme zu weisen und einen demokratischen, grünen Sozialismus auf eigenen Grundlagen zu ermöglichen. Die drohende Klimakatastrophe ließ ihn wieder aktiv werden. In den letzten fünf Jahren hat Jürgen Tallig zahlreiche Artikel zum Thema geschrieben und veröffentlicht. Auch im MDR- Fernsehen warnte er vor der drohenden Gefahr. Die Artikel sind in verschiedenen Umweltzeitschriften gedruckt und online erschienen und nicht so leicht zu finden. Deshalb sind sie jetzt hier versammelt und damit jedermann zugänglich. Um Weiterverbreitung wird ausdrücklich gebeten.Nur bei geplanten Veröffentlichungen oder Interesse an Vorträgen oder Veranstaltungsteilnahmen sind natürlich Absprachen nötig.Die Artikel können oben über die Leiste (anklicken) gelesen werden.Soweit zeitlich möglich, werde ich auch in unregelmäßigen Abständen in einem KlimaBlog von der Klimafront berichten.Hier die Artikel in zeitlicher Abfolge: "Vom Wetter zum Unwetter, Vom Unwetter zur Katstrophe, System Erde aus der Balance, Ein Manifest für das Leben, Kippelement Atmosphärische Zirkulation, Letzte Ausfahrt Paris, Blitzkrieg gegen die Erde, Rasante Zerstörung des blauen Planeten, Die tödliche Falle, Die Erde im Jahr 2035, Der Terrestrische Rat, Einmal Heißzeit und zurück, Der Preis des Lebens, Ungerechtigkeit im Treibhaus, TITANIC. CO2-neutral, Heißzeit ante Portas". Hinzu kommen Gedichte aus meinem Songbook   "Earth Attack".                                   Jürgen Tallig