Die Wahrheit stirbt zuerst

 

 

 

Die Wahrheit über unseren heißen Krieg mit der Natur war schon immer unbequem und ist inzwischen so erschreckend, dass sie den Menschen nicht mehr zumutbar ist, meinen die Mächtigen. Die Wahrheit stirbt zuerst, wie in jedem Krieg,- wenn wir es nicht verhindern.

Die Wahrheit ist inzwischen Verhandlungssache, scheint es. Sie verkommt zusehends zum kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich die Mächtigen dieser Welt noch verständigen können und der dann von dienstbaren Geistern in Wissenschaft und Medien verkündet, verstärkt und vermittelt wird und sie darf keinesfalls den Fortgang der Geschäfte stören. Das sag- und denkbare, auch über die Klimakatastrophe, ist ein machtmäßig festgelegter, abgesteckter Bereich, das sogenannte Overton-Fenster. Das definiert, was gemäß der öffentlichen Moral/Meinung eine akzeptable Äußerung ist und was als unsagbar oder radikal gilt (Klimarebellen, So plant 'Extinction Rebellion' den Aufstand fürs Klima – klimareporter, 26.04.2019). Die kanonisierte Wahrheit wird massenmedial multipliziert und infiltriert, wodurch die eigentliche Wahrheit tabuisiert wird und die Anhänger der Wahrheit zu Außenseitern, Panikmachern, Apokalyptikern gemacht werden. Ökologische Modernisierung und grünes Wachstum sind denkbar, eine schnelle, drastische Reduzierung der Energie- und Stoffströme nicht.

 

Auch der Weltklimarat IPCC unterliegt als zwischenstaatlicher Ausschuss massiver politischer Einflussnahme und ist letztlich nur ein getreues Abbild der derzeitigen Interessen und Machtverhältnisse. „Berichte werden den Regierungen der IPCC-Mitgliedsstaaten in Genehmigungssitzungen vorgestellt. Jeder einzelne Satz der Zusammenfassungen (SPM, Summary for Policymakers) muss von den Regierungsvertretern entweder genehmigt oder abgelehnt werden. Bei IPCC-Treffen behandeln die Regierungen diese Zusammenfassungen, als seien sie weniger ein wissenschaftlicher Report als ein Gesetzestext und die Folgen ihrer Aufmerksamkeit sind häufig äußerst ärgerlich. Um Konsens herzustellen, werden die Texte an vielen Stellen ungenau und ihr Inhalt so weit abgeschwächt, dass bisweilen kaum Substanz bleibt."(John Broome zur Arbeit des Weltklimarates, IPCC "Die Sätze wurden übel zugerichtet", 19.06.2014). Die wissenschaftliche Wahrheit wird offenbar dem realpolitischen Interesse unterworfen und dienstbar gemacht, was auch beim jüngsten Sonderbericht des Weltklimarates (IPPC, Sonderbericht zur Erderwärmung von 1.5 Grad, 2018) der Fall gewesen sein dürfte.

Es ist eine Tatsache, dass viele Aussagen des IPCC bisher eher konservativ und verharmlosend waren und von der Realität immer schnellstens revidiert wurden, sei es bei Eisschmelze oder auch beim Meeresspiegelanstieg. Es wurde immer die optimistischste Möglichkeit und nicht die gefährlichste gewählt. Unbequeme Forschungsergebnisse und Entwicklungsmöglichkeiten werden oft ausgeblendet oder vorläufig ausgeklammert (wegen unsicherer Datenlage bspw.). Der Weltklimarat warnt zwar in seinem jüngsten Sonderbericht z.B. zu Recht, dass eine Erderwärmung von 2 Grad sehr viel gravierendere Folgen haben würde als eine von 1.5 Grad,- ohne jedoch die Gefahr eines irreversiblen Überschreitens entscheidender Kipppunkte im Klima- und Erdsystem hinreichend zu verdeutlichen. Andererseits sind viele Aussagen zum noch Möglichen höchst spekulativ und widersprüchlich. So behauptet der IPCC einerseits, es gäbe noch ein, sogar leicht erhöhtes Emissionsbudget, andererseits wird gesagt, es müssten für eine Begrenzung der Erderwärmung bis zu 1000 Gt CO2 aus der Atmosphäre zurückgeholt werden. Und plötzlich reden alle von einer noch möglichen Begrenzung der Erderwärmung auf 1.5 Grad, obwohl wir doch längst auf eine Erwärmung von 5 Grad und mehr zusteuern. Wer schreibt, der bleibt?

 

 

 

Zumindest bestimmt er maßgeblich die globale Sicht der Dinge und die Einschätzung der Lage.

 

Wir können noch 1.5 Grad schaffen, klingt natürlich viel besser, als: wir haben der Erde schon mindestens 4 Grad eingebrockt. Doch nur, wenn wir die volle Wahrheit zulassen, haben wir noch eine Chance zu bleiben.

 

Wir wissen ja nicht einmal genau, wie stark sich die Erde bereits erwärmt hat, da wir nicht wissen wie vollständig und verlässlich die Zahlen des Weltklimarates über die Erderwärmung wirklich sind.

 

Die Erderwärmung beträgt laut IPCC jetzt schon über ein Grad. Da die starke Erwärmung von Arktis und Antarktis vom IPCC in die globale Mitteltemperatur aber gar nicht einberechnet wurde,- wegen vorgeblich

 

unsicherer Datenlage-, haben wir real vielleicht bereits 1.2 Grad erreicht? Ohnehin ist durch die bereits emittierten Treibhausgase eine weitere Erwärmung von 0.6 Grad faktisch unvermeidlich, so dachte man zumindest bisher, auch bei sofortigen Null Emissionen (siehe IPCC 2014, Naturwissenschaftliche Grundlagen, Häufig gestellte Fragen, Klima- FAQ 12.3/ Emissionen, 2017 und Schellnhuber, H.-J., Ich möchte nicht recht haben, Frankfurter Rundschau, 28.11.2015). Das bedeutet, wir sind jetzt schon faktisch bei unvermeidlichen 1.6- 1.8 Grad und mehr. Wenn man jetzt noch die schwindenden CO2- Senken und die Auswirkungen von Kippprozessen berücksichtigt, die der IPCC in seinen Berechnungen ja gleichfalls ausklammert (siehe Hans-Josef Fell, Seien wir realistisch! Der Rabe Ralf, April/ Mai 2018), dann wird der wirkliche Ernst der Lage deutlich und alle Aussagen über ein noch verfügbares globales CO2- Budget und noch vorhandene zeitliche Spielräume erweisen sich als reine Spekulation. „Es gibt kein CO2- Budget mehr!", sagt Hans-Josef Fell völlig zu recht und es gibt auch keine 20 Jahre für allmähliche Übergänge, wie das Jahr 2018 auch sinnlich erlebbar machte.

 

„… Es ist längst zu erkennen, dass wir selbst bei Erfüllung des Pariser Klimavertrages auf eine Erderwärmung um 3 bis 4 Grad zusteuern", meint Klaus Wiegandt, Vorstand der Stiftung „Forum für Verantwortung". Dass diese „halbherzige Klimapolitik weiterhin ungestraft" möglich ist, „liegt vor allem an der Unkenntnis breiter Bevölkerungsschichten über die bedrohlichste Folge eines ungebremsten Klimawandels, …großflächige Ernteausfälle auf allen Kontinenten. Der Kampf um Nahrung und Wasser wird bald zum Alltag gehören- auch in Europa." (Die Zeit ist reif, Anzeige in DIE ZEIT 17, 17.04.2019).

 

Die seit der Pariser Klimakonferenz vielbeschworene Zauberformel, „die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad, möglichst sogar auf 1.5 Grad zu begrenzen" ist ein massenpsychologisches Placebo, das unbewusst suggeriert: „Wenn 1,5 Grad noch möglich sind, dann kann es ja noch nicht so schlimm sein, dann können wir ja noch etwas weitermachen wie bisher…". Ihre mantraartige Wiederholung ist eine Beschwörung des Unmöglichen, das ja nur noch unter der Bedingung und Voraussetzung möglich ist, dass bei fast sofortigen Null-Emissionen gigantische Mengen CO2 aus der Atmosphäre zurück geholt werden, wie der IPCC selbst sagt.

 

Es wird eine enorme Verringerung der Klimaschulden in die Kalkulation eingeführt, die noch gar nicht erfolgt ist und die äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich sein dürfte. Das ist ökonomisch motivierte schwarze Zahlenmagie, die das schon verbrauchte noch einmal verbrauchen will und die Welt in falscher Sicherheit wiegt. Das Ganze erscheint als Versuch, die Uhren wieder auf fünf vor zwölf zurück zu stellen, obwohl es ja schon bald fünf ist, also die Realität schön zu rechnen und die weit extremere Dringlichkeit der Lage zu verschleiern, die ein viel radikaleres und schnelleres Umsteuern erfordert.

Das Zeitfenster hat sich fast geschlossen

Aufgrund der bereits emittierten Treibhausgase sind nicht 0.6 Grad, sondern bereits weitere satte 3 Grad Erwärmung ins Klimasystem eingespeist, wie eine neuere Studie verdeutlicht.

Der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre ist bereits so hoch, wie vor etwa drei bis fünf Millionen Jahren im Pliozän, wie Potsdamer Forscher nachweisen konnten (Kohlendioxid-Gehalt so hoch wie seit drei Millionen Jahren nicht, SPIEGEL ONLINE, 08.04.2019). Damals gab es einen Kohlendioxidgehalt von etwa 400 ppm (parts per million) und es war 3-4 Grad wärmer. Grönland war eisfrei und der Meeresspiegel war 15-20 Meter höher. Bereits 2010 konstatiert eine Studie: „Im Frühen und Mittleren Pliozän lag die globale Temperatur ungefähr 2,5 bis 4 °C über dem vorindustriellen Niveau, und die CO2-Konzentration fluktuierte im selben Zeitraum (etwa zwei Millionen Jahre) zwischen 365 und 415 ppm." (siehe Pagani, 2010). Dies könnte also allen Klimawissenschaftlern und auch den meisten klimapolitisch Verantwortlichen bekannt sein, wie auch der wissenschaftlich eindeutig belegte Zusammenhang zwischen der CO2- Konzentration in der Atmosphäre und der Oberflächentemperatur der Erde („Thermostat"-Funktion). Es ist keineswegs eine Neuigkeit, dass etwa 400 ppm CO2 in der Atmosphäre eine etwa 4 Grad wärmere Erde bewirken.

 

 

 

Heute haben wir bereits 410 ppm CO2 erreicht, die als entsprechend erhöhter Strahlungsantrieb bereits im Klimasystem enthalten sind und sich als weitere Erwärmung von etwa 3 Grad realisieren werden. 4 Grad Erderwärmung sind also faktisch bereits unvermeidlich. Um die Erderwärmung auf 1.5 Grad zu begrenzen, müsste der CO2- Gehalt der Atmosphäre daher sofort wieder auf deutlich unter 350 ppm abgesenkt werden und selbst dann wäre nicht sicher, ob sich die Erderwärmung nicht schon verselbständigt hätte.

 

Doch der CO2- Gehalt der Atmosphäre steigt sogar unablässig weiter, so dass sich die Welt mit einer erdgeschichtlich beispiellosen Geschwindigkeit auf noch höhere Temperaturen zubewegt.

 

Neben den ungebremsten menschlichen Emissionen treiben ja auch die weiter abnehmenden Kapazitäten der natürlichen Kohlenstoffsenken (schwindende Wälder und wärmer und saurer werdende Ozeane) und die zunehmende Freisetzung von Treibhausgasen durch den auftauenden Permafrost und brennende und verrottende Biomasse den CO2- Gehalt der Atmosphäre immer weiter in die Höhe. Die veränderte atmosphärische Zirkulation beschleunigt offensichtlich die Austrocknung der Vegetation und die abnehmende Wärmerückstrahlung (Albedo) aufgrund schwindender Eisflächen verstärkt die Erderwärmung zusätzlich. Verbesserte Klimamodelle prognostizieren inzwischen eine Erderwärmung von fünf Grad und mehr („Raum für böse Überraschungen", DIE ZEIT, 25.04.2019).

 

Weitere Kippelemente im Klimasystem könnten die Entwicklungen bald unumkehrbar machen und es drängt sich die bange Frage auf, wodurch sie jemals wieder zum Stillstand kommen soll. Der irreversible Übergang der Erde in den lebensfeindlichen, sich selbst verstärkenden Systemzustand einer Heißzeit scheint bereits in vollem Gange.

Wie diese dramatischen Entwicklungen mit einem sogar erhöhten verbleibenden Emissionsbudget, weiterem Wirtschaftswachstum und einem zeitweisen Überschreiten (Overshoot) der Temperaturgrenzen vereinbar sein sollen, erschließt sich nicht (siehe Angelika Zahrnt, Priorität für Wachstum oder Klimaschutz? 15. Februar 2019, Blog Postwachstum). Ob uns überhaupt noch ein verantwortbares Recht auf weitere Emissionen zusteht, muss bezweifelt werden. Zumal der Budgetansatz weder die anderen Treibhausgase (z.B. Methan), noch die schwindenden CO2- Senken und die drohenden Kipppunkte berücksichtigt. Insofern müssen alle bisherigen „Selbstverpflichtungen" zur Emissionsreduzierung und alle klimapolitischen Planungen als völlig unzureichend und auf spekulativen Annahmen beruhend, revidiert und entschieden verschärft werden.

 

 

 

Es geht inzwischen eigentlich längst nicht mehr darum, wie viel wir noch emittieren dürfen, sondern darum, wie wir das viele CO2 in der der Atmosphäre schnellstmöglich wieder auf weit unter 350 ppm verringern können, um irreversible Prozesse im Klimasystem noch zu verhindern. Eine heute schon fast unlösbare Aufgabe, die man unverantwortlicherweise den kommenden Generationen überlassen will, während die Gegenwart die Lage durch ungebremst viel zu hohe Emissionen weiter verschlimmert.

 

Das Risiko der Zerstörung der Lebensräume von Milliarden Menschen, aus kurz- und mittelfristigen Macht- und Profitinteressen in Kauf zu nehmen und das Klima- und Erdsystem möglicherweise irreversibel zu destabilisieren, ist ein Verbrechen an der Zukunft der Menschheit, das Tatsachen schafft, die von den kommenden Generationen nicht wieder korrigiert werden können.

 

Alles läuft inzwischen auf einen

„Disastrous Climate Change"

, einen katastrophalen Klimawandel hinaus, den es laut Artikel 2 der völkerrechtlich verbindlichen Klimarahmenkonvention (UNFCCC) gerade zu verhindern gilt.

 

Es ist regelrecht zynisch, den weiteren ungebremsten Ausstoß von Treibhausgasen und das Überziehen jeglicher Emissionsbudgets, mit der unwahrscheinlichen Möglichkeit einer späteren CO2- Rückholung aus der Atmosphäre zu entschuldigen. Längst wird von Wissenschaftlern angezweifelt, ob eine Begrenzung der Erderwärmung bei 1.5 oder gar 2 Grad überhaupt noch möglich ist. Prof. Schellnhuber vom Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK):„Was wir derzeit noch nicht wissen, ist, ob das Klimasystem sicher bei etwa 2°C über dem vorindustriellen Niveau ‚geparkt‘ werden kann, wie es das Pariser Abkommen vorsieht. Oder ob es, einmal so weit angestoßen, weiter abrutschen würde in ein dauerhaftes Supertreibhaus-Klima." Nach PIK-Angaben würde das bedeuten, dass sich der Klimawandel dann selbst verstärkt - "auf lange Sicht, über Jahrhunderte und Jahrtausende".

 

Was uns im vorigen Jahr in Europa aufschreckte, ist anderswo schon seit Jahrzehnten Normalität,- weltweit verstärkt sich mit der Erderwärmung die Austrocknung der Erdoberfläche und der Vegetation, weltweit verändert sich die atmosphärische Zirkulation und damit die Niederschlagsmuster.

 

Der El Nino des Jahres 2016 führte zu verstärkter Trockenheit in den tropischen Regionen, was die CO2- Aufnahme durch die Vegetation erheblich verringerte. Der Anstieg der CO2- Konzentration in der Atmosphäre erhöhte sich dadurch 2016 sofort um über 30% auf 3 ppm (parts per Million), um 2017 wieder auf 2 ppm abzusinken(CO2- Konzentration auf neuer Rekord-Höhe, Klimareporter 22.11.2018). Das zeigt, wie sensibel die Vegetation bereits auf vergleichsweise geringe Veränderungen reagiert und wie Trockenheit und Hitzestress

 

sofort die Kapazitäten zur CO2- Bindung beeinflussen. Und es gibt augenscheinlich Veränderungen, die darauf hindeuten, dass der El Nino zu einem Dauerzustand werden könnte (El Nino und warme Arktis werden zum Dauerzustand, Spektrum der Wissenschaften, 21.04.2017).

 

Es scheint, dass die Anpassungsfähigkeit der Vegetation bereits überfordert ist und schon die Hinnahme einer Erderwärmung von 1.5 Grad ein unkalkulierbares Risiko für die CO2- Aufnahme und eine Begrenzung der Erderwärmung bedeutet. Offenbar ist schon bei „nur" einem Grad Erderwärmung ein Gegensteuern kaum noch möglich. Das betrifft natürlich auch Neupflanzungen für künstliche CO2-Senken und CO2- Rückholung und offenbart, dass diese heute schon fast unmöglich sind. Ohnehin begrenzen längst global schwindende Böden und zunehmende Wasserverknappung und die damit einhergehenden Konflikte um die Ressourcennutzung die Handlungsmöglichkeiten.

Der Kollaps des Kohlenstoffkreislaufs

Man kann jetzt eigentlich schon nicht mehr von einem Kohlenstoffkreislauf sprechen, da das Ungleichgewicht zwischen CO2- Freisetzung und CO2- Aufnahme, also zwischen Quellen und Senken derartig groß ist, dass nur noch ein Teil des Kohlendioxids einen Kreislauf durchläuft. Allein von den menschlichen Emissionen aus Verbrennung, in Höhe von reichlich 40 Gt jährlich, verbleiben 20 Gt bereits direkt in der Atmosphäre, je ein Viertel wird noch von der Landbiosphäre und den Ozeanen aufgenommen, wobei sich die Aufnahmefähigkeit der CO2- Senken zunehmend reduziert.

 

Hinzu kommen ja noch die Entwaldung, andere CO2- Quellen und die anderen Treibhausgase, wie z.B. Methan, wodurch die Gesamtemissionen an Treibhausgasen heute bereits bei über 80 Gt CO2- Äquivalent liegen dürften (für 2010 gibt O. Edenhofer bereits 67 Gt an, siehe Atlas der Globalisierung, 2015).

 

Der Treibhauseffekt und die Aufheizung der Erde verstärken sich dadurch immer weiter, was wiederum die Biosphäre unter Druck setzt und dezimiert. So war der Amazonas- Regenwald seit 2005 bereits von fünf schweren Dürren betroffen, was zum Verlust von Milliarden Bäumen führte.

 

Prof. Johan Rockström vom Stockholm Resilience Centre, einer der neuen Direktoren des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), prognostiziert in seiner Stellungnahme „The 10 Science must knows on Climate Change" sogar den bevorstehenden weitgehenden Zusammenbruch der biosphärischen Kohlenstoffsenken ab ca. 2030. Im Diagramm auf Seite 11 über einen Dekarbonisierungspfad entsprechend dem Pariser Abkommen, sind die möglichen Entwicklungen skizziert. Die Fähigkeit der Wälder und der ozeanischen Biomasse, Kohlendioxid zu binden, reduziert sich demnach auf etwa ein Drittel bis 2060, um danach weiter abzunehmen.

 

In seinem Diagramm schließt Prof. Rockström diese gigantische Lücke in der Kohlenstoffbilanz durch anthropogene CO2- Senken, die ab ca. 2040 den Verlust der natürlichen Senken ausgleichen und 2100 deren Kapazität von 2010 erreicht haben sollen. Dieses Diagramm ist in mehrfacher Hinsicht äußerst bemerkenswert.

 

Einmal ist es natürlich erschreckend, dass der Zusammenbruch der biosphärischen Kohlenstoffsenken so nahe bevorstehen könnte. Zum anderen tut sich darin ein enormer Technikoptimismus kund.

Kann man Kippprozesse rückgängig machen?

Dies ist angesichts der Tatsache, dass die Menschheit ja nicht einmal in der Lage ist, die vorhandene Biosphäre zu bewahren, zwar von vornherein unwahrscheinlich, doch die Rückkopplungen und Verstärkungen im Erdsystem machen es eigentlich unmöglich.

 

Mit dem Ausfall vieler Wälder und der nachlassenden CO2- Aufnahme durch die Ozeane wären ja entscheidende Kipppunkte im Klimasystem erreicht. Wenn die Landbiospäre weitgehend kollabiert, reduziert sich nicht nur die CO2- Aufnahme (Senkenfunktion) der Wälder, sondern sie werden gleichzeitig zu CO2- Quellen. Es sind etwa 500 Gigatonnen (Gt = Milliarden Tonnen) Kohlenstoff in der Biomasse gebunden, was 1830 Gt CO2 entspricht, das ist in etwa so viel, wie die Menschheit bisher insgesamt freigesetzt hat. All dieser Kohlenstoff würde früher oder später durch Waldbrände, menschliche Nutzung und mikrobielle Zersetzung in die Atmosphäre gelangen. Auch das weitere Auftauen des Permafrosts setzt immer mehr CO2 und Methan frei und langfristig droht das Auftauen der Methanhydrate. Methan oxydiert nach etwa 10 Jahren zu Kohlendioxid und erhöht so letztlich auch den CO2- Gehalt der Atmosphäre, der sich durch all diese Emissionen aus der Natur mehr als verdoppeln könnte.

 

Der zunehmende Ausfall der natürlichen Senken verursacht eine starke Erhöhung des CO2- Gehalts der Atmosphäre, da ihr nun viel weniger Kohlendioxid wieder entzogen wird. Diesen Anstieg müssten die anthropogenen Senken als erstes kompensieren. Wenn man die Erderwärmung auf 1.5 oder 2 Grad begrenzen will, muss man den CO2- Gehalt der Atmosphäre zudem wieder senken, auf unter 350 ppm.

 

Für eine Reduktion bräuchte man zusätzliche Senkenkapazität und für den Ausgleich der Verstärkung der Erderwärmung durch weitere erdsystemische Veränderungen, wie die abnehmende Albedo, noch welche. Die künstlichen Senken müssten also letztlich die vielfache Kapazität einer intakten Biosphäre erreichen.

 

Das ist eine wohl unlösbare Aufgabe, zumal all diese Verfahren zur CO2- Rückholung weitgehend unerprobt und ineffizient sind und mit erheblichen Risiken und einer enormen Freisetzung von Treibhausgasen verbunden wären und die ohnehin schrumpfende landwirtschaftliche Nutzfläche stark in Anspruch nehmen würden.

 

Die Dimensionen dieser Veränderungen machen deutlich, dass sich die Erde auf dem Weg in eine beispiellose Klimakatastrophe befindet, mit Folgen, deren Ausmaß wir bisher nur ansatzweise überblicken und die weder beherrschbar, noch rückgängig zu machen sein werden.

 

Es ist höchste Zeit, zu begreifen, wie sehr wir und die Zukunft des Planeten von einer funktionierenden Biosphäre abhängen und dass es eine davon unabhängige Existenz nur in schlechten SciFi- Filmen gibt.

 

Doch nachwievor steht Problemvertagung statt Problemlösung auf der Tagesordnung.

Auf der Schwelle zur Heisszeit

All die starken Worte von Geoengeneering, Klimabeeinflussung und Terraforming sollen suggerieren, es gäbe notfalls einen technisch machbaren Weg zur Begrenzung der Erderwärmung, ohne Emissionsreduzierungen und ohne limitierenden Zeitfaktor, man könne also das Problem auch später irgendwie in den Griff bekommen. Das beruhigt vor allem die besorgte Öffentlichkeit und es beruhigt das eigene Gewissen.

 

Doch es ist ein Ausdruck von Verblendung und Selbstüberschätzung (Hybris) zu meinen, die Menschheit könne nachträglich einen planetaren Systemübergang rückgängig machen und bräuchte ihn deshalb nicht verhindern. Hierin offenbart sich eine fatale Fehleinschätzung der Realität.

 

Wenn die Erde die Schwelle zur Heißzeit einmal überschritten hat, dann ist ein sich selbst verstärkender Aufheizungsprozess im Gange, den wir nicht mehr stoppen können. Wir spielen gewissermaßen Russisch- Roulette mit der Erde und haben noch nicht verstanden, dass der Revolver voll geladen ist.

 

Es gibt einen lebensfreundlichen Bereich von Umweltbedingungen, an den die Biosphäre und der Mensch sich über lange Zeiträume hinweg evolutionär angepasst haben und es gibt lebensfeindliche Umweltbedingungen. Eine nach erdgeschichtlichen Maßstäben, blitzartige Erwärmung der Erde um 5 oder gar 8 Grad, bedeutet den wahrscheinlich irreversiblen und viel zu schnellen Übergang in eine völlig andere Welt und überfordert damit jede Anpassungsfähigkeit, was das fast vollständige Aussterben des Lebens und der Menschheit zur Folge haben könnte. Diese Veränderungen würden viele Jahrtausende andauern und sich noch weiter verstärken und es ist völlig ungewiss, ob sich das System Erde überhaupt jemals wieder stabilisieren kann. Wenn nicht, würde sich der leblose Planet, entsprechend seiner Umlaufbahn, auf bis zu 240 Grad Celsius aufheizen (mit einem bald ähnlichen Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre wie seine Nachbarplaneten (ca.98 %).

 

Es ist an uns, diese apokalyptische Eskalation zu vermeiden und im gegebenen natürlichen Rahmen der Erde zu verbleiben und die weitere Zerstörung der Lebensgrundlagen zu beenden.

 

Wir müssen uns jetzt entscheiden, ob wir das Klima- und Erdsystem oder das derzeitige Wirtschafts-Energie- und Mobilitätssystem stabilisieren wollen,- beides gleichzeitig ist nicht möglich.

Wir werden erdsystemkompatibel sein oder wir werden nicht sein.

 

 

 

Fridays for Future fordern Null Emissionen sogar bis 2035 (Fridays for Future, Schüler stellen Forderungen - Wissenschaft stimmt zu - FOCUS Online, 08.04.2019) und Extinction Rebellion fordern in einer Petition an den Bundestag die Ausrufung des „Klimanotstands" und Null Emissionen bereits bis 2025, was physikalisch völlig begründet und notwendig ist, aber angesichts der derzeitigen Machtverhältnisse kaum umsetzbar sein dürfte. Das britische Parlament hat die Forderung nach Ausrufung des „Klimanotstands" zwar aufgegriffen, hält aber Null Emissionen bis 2050 für ausreichend. In jedem Fall muss in den nächsten zehn Jahren, den wichtigsten der Menschheitsgeschichte, wie viele meinen, eine ökologische Wende um 180 Grad vollzogen werden, wenn eine verselbständigte Erderwärmung noch verhindert werden soll. Man muss das Ergebnis von 25 Jahren Wachstum in 10 Jahren wieder halbieren und rückgängig machen, was weit mehr als schöne Worte und einige Windräder erfordert. Es geht um eine schnelle „Große Transformation" der Gesellschaften, um sehr schnelle Emissionsreduzierungen ungeheuren Ausmaßes, was mit weiterem exponentiellem Wachstum unvereinbar ist. Gleichzeitig ist ein großangelegtes Programm zur Stabilisierung des Klima- und Erdsystems notwendig und drüber hinaus eine massive Reduzierung des CO2- Gehalts der Atmosphäre durch ein gigantisches weltweites Aufforstungsprogramm.

 

Die Menschheit hat nur dann noch eine Chance, wenn sie die volle Wahrheit erkennt und anerkennt, ihren Krieg mit der Erde schnellstens beendet und alles versucht, um den Planeten am Leben zu erhalten.

Jürgen Tallig 2018/2019 tall.j@web.de https://earthattack-talligsklimablog.jimdofree.com/

 

 

 

Literatur:

 

Lee R.Kump, Was lehrt uns die letzte Erderwärmung, Spektrum Spezial 4/2012

Mark Pagani, Zhonghui Liu, Jonathan LaRiviere, Ana Christina Ravelo: High Earth-system climate sensitivity determined from Pliocene carbon dioxide concentrations. In: Nature Geoscience. 3, 2010

 

 

 

WBGU, Zivilisatorischer Fortschritt innerhalb planetarischer Leitplanken, 2014

 

WBGU, Entwicklung und Gerechtigkeit durch Transformation, Sondergutachten 2016

 

Maria A. Martin, Das riskante Spiel mit dem Gleichgewicht, Kippelemente im Klimasystem, 2014

 

S. Rahmstorf, Können wir die globale Erwärmung rechtzeitig stoppen?, KlimaLounge,11.04.2017

 

Rockström J., „The 10 Science must knows on Climate Change", 2017

 

Tallig J., „Rasante Zerstörung des Blauen Planeten" Umwelt aktuell 12.2016/01.2017

 

„Die tödliche Falle" in Umwelt Aktuell 11/2017

 

H.J. Schellnhuber, Selbstverbrennung, 2015

 

David Wallace-Wells, „Der Planet schlägt zurück" (dt. im „Freitag",20.07.2017)